27
Februar
2013

Wie genau kennen wir uns eigentlich mit ‚GEFÜHLEN‘ aus?!? (Artikel erschienen in „Prisma“ und „Gingko“)

Von 'Gefühlen' wird gesprochen, seit es Menschen gibt (und Sprache). Zorn, Angst, Freude, Liebe – jeder hat seine eigenen Gedanken- und Gefühlsverbindungen zu diesen Begriffen.

Aber in Wirklichkeit verhält es sich mit den Gefühlen so wie mit der Entwicklung der Farben und der Musik. Tiere, Kinder und Naturmenschen haben ein einfaches Gefühlsspektrum, so wie in der Malerei am Beginn ihrer Geschichte einfache Farben und in der Musik einfache Ausdrucksmöglichkeiten zur Anwendung kamen.

Heute sprechen wir von unendlichen Farbnuancierungsmöglichkeiten und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, weil mit ihrer Entwicklung die Gefühlswelt des Menschen selbst unvergleichlich reicher geworden ist, so dass wir (siehe Malerei, Musik, Literatur, Film) viel mehr und unterschiedlicher fühlen denn je! Wenn die Eskimos zwanzig Wörter für Schnee kennen, dann bräuchten wir auch 'zwanzig Wörter' für die unterschiedlichen Nuancierungen von "Zorn, Angst, Freude, Liebe" etc.

Das moderne Schlagwort von der "Emotionalen Intelligenz" meint nicht nur, dass es 'intelligent' ist, die eigenen Gefühle zu kennen und zu fühlen, sondern dass die Gefühle eine eigene Intelligenz besitzen. So unendlich vielfältig nuanciert die Gefühle eines entwickelten Erwachsenen sein können, so unendlich vielfältig nuanciert ist das Wissen, sind die Botschaften, die in ihnen enthalten sind und die sie transportieren!

In der heutigen 'Psycho-Szene' findet sich der Trend, neben dem Aufspüren und Zulassen der eigenen Gefühle, doch auch immer wieder die Gefühle gering zu schätzen und zum Beispiel durch Yoga und Meditation aus dem Gefühlsleben auszusteigen und es 'überwinden' zu wollen. Wollen wir lieber keine Gefühle, oder wollen wir lieber ein reiches und reichhaltiges Gefühlsleben – wie die großen Künstler, Dichter, Musiker?!?

Was kann das Ziel von Persönlichkeitsbildung sein?!?

Der Grund, warum wir Musik hören, Belletristik lesen, Spielfilme schauen etc., ist, dass wir Gefühle fühlen wollen.

Ein 'Meditierender' entfremdet sich der eigenen Seele, ja, will sie überwinden, indem er sich von solchen Wahrnehmungsinhalten zurückzieht.

Musik hören, Belletristik lesen, Spielfilme schauen – igitt, wie oberflächlich, wie weltlich, wie verwirrend, 'runterziehend'; gar Zeitung lesen, Nachrichten schauen, sich erschüttern lassen von dem Drama der Welt, von Mitlied, Liebe, Erbarmen sich selbst und anderen gegenüber – wie profan!?!

Eine Unzahl von 'psychologischen Schulen' – aber wissen sie wirklich, wovon sie reden, wenn sie von Gefühlen reden? Dass unter ein und demselbem Begriff – "Zorn, Angst, Freude, Liebe" – von tausend Menschen jeder etwas anderes versteht und fühlt?

Bis heute gibt es keine wissenschaftlich bewiesene 'Wissenschaft der Gefühle'. Wer wissen will, was 'Gefühle' sind, muss bereit sein, sich einzulassen, die unterdrückten Existenz-Gefühle von Entsetzen, Angst, Verzweiflung, Zorn, Schmerz, Traurigkeit, Bitterkeit etc. in ihrer ganzen Wahrheit in sich wieder zuzulassen, um auch entgegengesetzte Gefühle in ihrer ganzen Tiefe, Nuanciertheit, Wahrheit 'erobern' zu können….

Author: Martin Spiegel
Posted in: Allgemein